Rezension

Illuminationes: Bach beleuchtet und erleuchtend
zuerst erschienen in der neuen musikzeitung, Ausgabe 4-15
Ute-Gabriela Schneppat

Ein Gespräch mit Professorin Angelika Nebel zum Erscheinen ihrer neuen CD

Frankfurt. Die renommierte Pianistin Angelika Nebel hat mit „Bach Illuminationes“ ihre dritte CD mit Bach-Transkriptionen heraus gebracht – Anlass, die Künstlerin in einem Gespräch näher kennenzulernen.

nmz: Frau Nebel, mit „Bach Illuminationes“ stellen Sie nun Ihre insgesamt achte CD vor. Jetzt liegt nun Ihre dritte CD mit Transkriptionen von Werken Johann Sebastian Bachs vor. Wie kam es zu dieser intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema der Bach-Transkriptionen?

Angelika Nebel: Dies ist ein Thema, mit dem ich mich schon seit langer Zeit auseinandersetze. Bei der anfänglichen Beschäftigung hiermit stieß ich auf das Buch „J. S. Bach in der Klaviertranskription“ von Arthur Schanz. Arthur Schanz hat in diesem umfangreichen Werk in jahrzehntelanger Nachforschung Transkriptionen der Bachschen Werke rund um den Globus zusammengetragen – eine Leistung, die nicht hoch genug einzuschätzen ist. Ich habe im Gespräch mit diesem Experten viele Impulse empfangen. Im Laufe der Jahre hat sich dieses Thema zu einer Herzensangelegenheit für mich entwickelt und ich verfolge es beständig weiter.

nmz: Sie haben in den beiden CDs „Bach Transkriptionen“ und „Metamorphosis“ ausgesprochene Raritäten eingespielt. Haben die Gespräche mit Arthur Schanz Sie bei Ihrer Stückauswahl geleitet?

Nebel: Die Anregungen dieser Gespräche und auch derer mit mehreren Kollegen habe ich mit meinen Vorstellungen und Recherchen der ausgewählten Programme verschmolzen und meine eigenen Wege gesucht. Es lag mir sehr daran, neben dem Entdecken weniger oder kaum bekannter lohnender Transkriptionen des 19. Jahrhunderts auch Komponisten und Transkriptoren des 20. Jahrhunderts mit besonders gelungenen Transkriptionen zur Geltung zu bringen, so etwa von meinem hochgeschätzten Kollegen Frank Zabel (*1968) und dem von mir ausgebildeten jungen Pianisten Wagner Stefani d’Aragona Malheiro Prado (*1982). Gerade die persönliche Zusammenarbeit gibt einem CD-Programm in der Entstehung einen ganz besonderen und authentischen Akzent.

nmz: Das lässt mich auf eine ganz persönliche Frage kommen: Jeder Musiker hat wohl sein ureigenes Verhältnis zu Bach. Mögen Sie mir schildern, welche Bedeutung Bach für Sie persönlich hat?

Nebel: Die Musik Bachs hat mich mein ganzes Leben begleitet. Ich kann mich noch genau erinnern: Jeden Sonntag wurde im Radio in Berlin, wo ich aufgewachsen bin, eine Aufnahme einer Bachschen Kantate gesendet. Das Hören der Bach-Kantate gehörte für unsere Familie zum festen sonntäglichen Ritual. Auch habe ich immer schon sehr gerne Bach gespielt. Ich habe die Musik Bachs quasi „eingeatmet“, der Bachsche Kosmos hat sich mir immer mehr erschlossen, als wäre Bachs Musik „klingende Theologie“. Sie ist für mich stets aufs Neue wie eine unversiegbare Quelle, die voller Staunen den Blick auf eine vom Menschen wohl ersehnte Vollkommenheit richten kann.

nmz: Gestatten Sie mir eine weitere persönliche Frage: Sie leben seit langem in Frankfurt am Main, sind aktives Mitglied im Frankfurter Tonkünstlerbund und unterrichteten bis Sommer 2014 19 Jahre lang an der Robert Schumann Hochschule in Düsseldorf. Warum sind Sie Frankfurt treu geblieben?

Nebel: Ich bin kurz nach meinem Studium in Hannover nach Frankfurt gekommen. Dort lehrte ich zuerst an Dr. Hoch’s Konservatorium und später auch an der Frankfurter Musikhochschule. Die Weltoffenheit Frankfurts und die kulturelle Lebendigkeit dieser Stadt haben mich sofort eingenommen. Ich fühle mich hier wohl und frei, das ist ein sehr angenehmes Gefühl… Dem Frankfurter Tonkünstlerbund bin ich auch dadurch verbunden, dass mir die Nachwuchsförderung sehr am Herzen liegt. Und da leistet der FTKB vieles – für die jungen Kollegen sowie für den musikalischen Nachwuchs. Als etablierte Musikerin sehe ich es als notwendig an, einem Berufsverband nicht nur anzugehören, sondern auch dort meinen persönlichen Beitrag zu leisten.

nmz: Lassen Sie uns auf Ihre neue CD zurückkommen. Auf dieser bringen Sie nun auch eigene Transkriptionen zu Gehör. Wie kam es zum Schritt von der Interpretin zur Bearbeiterin?

Nebel: Die Faszination an diesem Sujet ließ mich wohl folgerichtig diesen Schritt gehen. Bei der Beschäftigung mit dem Orgelstück „Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ“, BWV 639, wurde ich zunächst von der Idee erfasst, den cantus firmus bei der Wiederholung eine Oktave tiefer zu setzen. Dies wirkte auf mich wie eine Resonanz des zuvor Gehörten, dunkler timbriert. Durch das Hinzufügen stützender Oktaven entstand das Empfinden eines inneren Crescendos, eines Hinstrebens auf den Zielton, einer Vertiefung des musikalischen Gedankens. Im Entdecken neuer Möglichkeiten ging ich weiter und wandte mich dem Adagio aus der Orgeltoccata BWV 564 zu und dem Choralvorspiel „Kommst du nun, Jesu, vom Himmel herunter“, BWV 650. In diesen drei Stücken ergaben sich für mich sehr interessante Entscheidungen, beispielsweise impulsgebende Unterstreichungen und Erweiterungen der Harmonik, ein gelegentliches Tauschen der Lagen eines cantus firmus, ein Stilmittel, das die Farbigkeit der Lagen des Klaviers beleuchten kann und wie eine Registrierung wirkt. Im Prozess ganz persönlicher Deutungen der einzelnen Werke erlebte ich eine große Freiheit und Kreativität, die zur Fortführung einlädt, es ist des Gestaltens kein Ende…

nmz: Bei „Illuminationes“ finden wir zum ersten Mal bei Ihren CDs mit Bach-Transkriptionen auch Transkriptionen bekannter Komponisten wie zum Beispiel Franz Liszt. Können Sie erläutern, welche Motive der Stückauswahl dieser CD zu Grunde liegen?

Nebel: Bei der Stückauswahl für diese CD handelt es sich auch nicht um das „gängige“ Programm. Sehr viele der Titel sind Weltersteinspielungen. Entscheidend für eine Programmauswahl ist die „Idee“. Bei der ersten CD habe ich zwei große Werke von Robert Franz und Frank Zabel in einen Kontext mit kürzeren Stücken gebracht, bei „Metamorphosis“ war es eine Anordnung nach dem Kirchenjahr. Jetzt, bei „Illuminationes“ habe ich mich nach der Tonartenfolge der Bachschen Inventionen und Sinfonien gerichtet. Ich glaube, dass diese Bach so nahen Modelle tiefere und tiefste Schichten des Menschen erreichen können. Es galt, eine Dramaturgie zu entwickeln, die viele verschiedene Parameter bedenkt und in einen großen Bogen bringt. Bei „Illuminationes“ findet dieser Spannungsbogen in der gemeinschaftlichen Transkription mit dem Pianisten Wagner Stefani d’Aragona Malheiro Prado als einzigem Werke für 2 Klaviere, Erweiterung und Ausblick.

nmz: Ich bedanke mich für die hochinteressanten Einblicke in Ihre Arbeit bei diesem Gespräch.

Das Gespräch mit Prof. Angelika Nebel führte Ute-Gabriela Schneppat.