Rezension

Bach Metamorphosis
http://www.klassik-heute.de, 24.06.2013
Peter Cossé

Wer hier als Musikfreund interessiert und zugleich neugierig „zuschlägt", der darf sich von der Berliner Pianistin Angelika Nebel musikantisch bestens, vor allem aus literarischer Sicht sehr großzügig bedacht fühlen. Während sich die meisten ihrer Kollegen im Umfeld des schier riesigen Gebietes der Bach-Klaviertranskriptionen (und -arrangements) auf jene sozusagen gesicherten Werte von Liszt, Busoni, Kempff, Siloti und Myra Hess beschränken, begibt sich die von Jürgen Uhde und Hans Leygraf akademisch ausgebildete Pianistin tiefer in das schöne Dickicht der Bearbeitungen, Montagen, Transkriptionen und Paraphrasen. Und dies im munteren, aber auch andächtigen Wechsel vorgegebener Formate vom Präludium, Fuge, Kantatenarie, Choral bis hin zu kammermusikalischen und orchestralen Charakterstücken.

Angelika Nebels Bach-Spiel in den verschiedensten Ab- und Umleitungen der meist unbekannten Autoren verbindet Korrektheit mit einer den Lauschenden stets anregenden Biegsamkeit im Anschlag und darüber hinaus mit einer Duftigkeit im Bildhaften, die den jeweiligen Vorlagen vom ersten Takt an eine klare Position im Reich des Religiösen und des Kreatürlichen sichert. Sie geht in der Abstufung von dynamischen Werten, aber auch in der Artikulation des Melodischen und der polyphonischen Verläufe nicht – wie etwa Horowitz, Kempff oder Alexis Weissenberg – an die Grenzen des pianistisch-klanglichen Möglichen. Die in den Texten der Bachzeit bald aufkeimenden, bald ausbrechenden Beschwörungen von Milde, Liebe, Sünde und Ungemach, all die auf Gottes Allmacht fokusierten Stimmungen der Hoffnung, der Angst und der Zuversicht nennt sie gleichsam wortlos beim Namen. Angelika Nebel verleiht ihnen auf dem Klavier unserer Tage bald zarte, bald kräftige Konturen, sie entführt uns – wie ich meine – nicht wie der erwähnte Horowitz in eine Welt der emotionalen Künstlichkeit, der faszinierenden Pianisten-Überspanntheit, sondern in eine Welt, die ich als tönendes Echo einer überkonfessionellen Musikreligiosität bezeichnen möchte.

Für den lernenden und wissbegierigen Hörer dürfte es von großem Wert sein, etwa in Kenntnis des Opern dramatischen Schaffens von Walter Braunfels den Komponisten nun plötzlich als „Übersetzer" einer Präludien und Fuge-Kombination kennen zu lernen. Und selbst die Informierteren im Publikum, die irgendwann schon einmal der Siciliano-Bearbeitung von Isidore Philipp begegnet sind, sie werden doch überrascht sein, am Ende des Programms den Namen eines absoluten Neuankömmlings auf diesem „Metamorphosen"-Terrain begrüßen zu dürfen. Der Name des 31jährigen Brasilianers allein schon ähnelt einer Komposition oder zumindest einer Fusion deutscher und lateinischer Identitätsbausteine: Wagner Stefani D'Aragona Malheiro Prado! Von ihm stammt die Übertragung des 6-stimmigen Ricercars aus Bachs Musikalischem Opfer – eine der Pianistin gewidmete Arbeit, die dank ihrer Übersicht und ihrer farbgebenden Möglichkeiten durchaus an ein dem Klavier überantwortetes Streicherweben aus ferner Vergangenheit erinnert.

Quelle: http://www.klassik-heute.de