Rezension

Eindringlich
Fono Forum, Mai 2013
Frank Siebert

Mit einer feierlich-leuchtenden Klanggeste im Diskant beginnt Walter Braunfels‘ Transkription von Bachs Präludium und Fuge BWV 536.

Angelika Nebel stellt diese sinnlich-diesseitige Komposition an den Beginn ihrer Sammlung mit raren Transkriptionen, viele davon zum ersten Mal eingespielt. Zwar orientiert sich die Pianistin bei der Zusammenstellung der Kompositionen am Kirchenjahr, doch liegt zweifelsohne neben dem kalendarischen Ordnungsprinzip hier sensible Seelendramaturgie zugrunde. Angelika Nebel hat die einzelnen Werke so geschickt ausgewählt, dass das jeweils einer Komposition nachfolgende Werk eine emotionale Intensivierung des vorangegangenen darstellt. So lässt sich diese Abfolge als eine große Reise durch musikalische Geisteslandschaften begreifen, die von der reifen Lebensbejahung bei Braunfels, Carl Tausigs erschütterndes „O Mensch, bewein dein Sünde groß“ über die heitere Melancholie von Isidore Philipps „Siciliano“ bis zum transzendentalen Ricercar aus dem „Musikalischen Opfer“ von dem jungen Brasilianer Wagner Stefani D’Aragona Malheiro Prado führt.

Die Pastoralsinfonie aus dem „Weihnachtsoratorium“ weiß Angelika Nebel in Clarence Lucas Bearbeitung mit berührender Zartheit zu intonieren, Vaughan Williams‘ „Ach bleib bei uns“ dürfte kaum eindringlicher zu spielen sein, und mit enormer Strukturierungsmacht weiß sie aus dem Stimmengewirr des Ricercar eine gewaltige Klangarchitektur zu bauen.

Angelika Nebel widmet sich jeder dieser Transkriptionen mit großer Liebe zum Detail, ohne jemals den übergeordneten Spannungsbogen zunehmender geistiger Verdichtung aus den Augen zu verlieren.