Rezension

Bis zum romantischen Nachtstück
Badische Zeitung, 24. Januar 2015
Johannes Adam

"Illuminationes": Angelika Nebels Klavier-CD mit selten zu hörenden Bach-Transkriptionen.

Meer sollte er heißen: So lautet ein auf Barockgroßmeister Bach gemünztes Bonmot. Mit Recht. Unerschöpflich und von höchster Qualität ist seine Musik, was Nachgeborene immer wieder veranlasst hat, sich diese Tonkunst bearbeitend zu erschließen und sie in neuem Klanggewand unter die Leute zu bringen – eine Praxis, die der Meister bei sich und anderen ja auch selber gepflegt hatte. In den Rang einer Spezialistin mit Alleinstellungsmerkmal Bach-Transkriptionen hat es die einstige Düsseldorfer Klavierprofessorin Angelika Nebel gebracht. Hervorragende CDs zeugen davon.

Jetzt legt die in Frankfurt lebende Künstlerin ihre dritte diesbezügliche Einspielung vor. Keineswegs die üblichen Verdächtigen sind versammelt, sondern eine internationale Riege von Arrangeuren des 19. bis 21. Jahrhunderts. Kammermusik, Orchestrales, Vokales und – vor allem – Orgelwerke findet man aufs Klavier übertragen. Angeordnet wurden die einzelnen Titel nach einem wohlgeordneten Plan: der Tonartenfolge der Bach’schen Inventionen und Sinfonien.

Dass Angelika Nebel eine begnadete, gefühlvolle Klavierlyrikerin ist: Man spürt es abermals. Sogar bei der Liszt-Fassung von Präludium und Fuge C-Dur BWV 545 steht die strukturelle Klarheit im Vordergrund. Da zeigt der Konzertflügel, was er vielleicht noch etwas besser kann als die angestammte Orgel. Ein warmes, atmendes Strömen und Fließen. Der Hörer genießt. Durch ihre Beschäftigung mit den Transkriptionen ist die Pianistin auf den Geschmack gekommen, auch selbst bearbeitend tätig zu werden. Gegenstand: Orgelwerke. Ob man beim f-Moll-Stück "Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ", dem einzigen Trio im "Orgelbüchlein", den Choral bei der Wiederholung eine Oktave nach unten schieben sollte: Darüber ließe sich diskutieren. Textlich geboten ist es nicht. In der Klavierversion des Schübler-Chorals "Kommst du nun, Jesu, vom Himmel herunter" vergisst man, dass das Original bei Organisten auch mal zu einer Angstnummer geraten kann. Das a-Moll-Adagio der C-Dur-Toccata klingt mit seiner verzierten Oberstimme, die einer Geige anvertraut sein könnte, innig und meditativ. Auf die modulierende Überleitung zur Fuge wurde verzichtet.

Bei "Wachet auf, ruft uns die Stimme", wird, anders als in der originalen Schübler-Kollektion, ein Choralsatz angehängt. Überhaupt das Schübler-Konvolut! Da tritt Bach bereits als Bearbeiter in eigener Sache auf. Wie ein Opus wie das g-Moll-Präludium BWV 558 aus den der Orgel zugedachten sogenannten Kleinen Präludien und Fugen (ungeachtet der Frage, ob diese überhaupt von Bach stammen) in Dmitri Kabalewskis Lesart zum dunklen romantischen Nachtstück werden kann: Hier erlebt man’s. Die Scheibe schließt mit dem Eingangschor aus der Adventskantate "Nun komm, der Heiden Heiland" BWV 62, umgehoben auf zwei Klaviere. Munter erweist sich das konzertierende Prinzip des Satzes bei den beiden Interpreten Wagner Stefani d’Aragona Malheiro Prado und Angelika Nebel.

Eine beseelte CD, die ganz darauf zielt, Bachs Musik von innen her zu verstehen. Und die Anlass gibt, über die zeitlose Schönheit und Vollkommenheit dieser Tonkunst zu staunen. – Bach Illuminationes: Angelika Nebel (Klavier). Hänssler Classic CD 98.041.